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Thomas Ruch
“GE-RUCH-LOS”

  Thomas Ruch - Kakadu 1+2+3 Einführung

Wie ist es für mich möglich, zu zeichnen?

Zitat: "2007 strömten 8,3 Millionen Besucher in den Louvre."

Das Internet als Medium hat sehr ausgeprägte Eigenschaften. Gerade deshalb, dass seine Medialität sehr stark manifestiert wird, wird es den von ihm transportierten Dingen nicht einfach gemacht, ihren Inhalt zu bewahren. Es ist den Dingen im Internet kaum möglich, sich darüber hinwegzusetzen, dass sie transportiert werden. Leicht kann es den Dingen geschehen, dass sie plötzlich für ganz andere Zwecke transportiert werden, als dass ursprünglich ihr Inhalt gedacht war. Leicht werden die Dinge zu Material und das Internet ist dermassen dominierend, dass es ihm seine eigene Bedeutung überstülpt. Somit wird auch hier diese Aussage ihre Nivellierung erfahren.

Porcellanfiguren, Schweizer Chalets, Kakadous, Pinguine, Windhunde, Haremsdamen, Puppen, Sultane, Mohren, Bambis... Schade, dass hier kein Segelboot zu haben ist. Doch, wenn Sie sich eines wünschen, zeichne ich Ihnen eines, selbstverständlich für den doppelten Preis, versteht sich.

Klischee, Kitsch, Biedermeier, Exotismus, Dekadenz... Meine Zeichnungen sind aus einer Virtuosität und einem handwerklichen Können heraus gemacht... Alles Dinge, die wir längst überwunden haben und die uns dank unserer modernen, säkularisierten Gesellschaft, in der wir leben, fern sind.

Zitat: "Der Filmindustrie Hollywood entgehen jährlich 1,3 Milliarden US Dollar durch Raubcopien."

1996 habe ich meine erste Zeichnung gemacht. Sie zeigt ein Gotisches-Masswerk-Fenster. Ich habe diese Zeichnung mit einer 1 versehen. Neulich machte ich eine Zeichnung die einen Pinguin zeigt. Sie ist meine 289ste Zeichnung. Sämtliche Zeichnungen habe ich über diese Jahre chronologisch durchnummeriert. Paralell dazu entstehen unzählige Skizzen und Entwürfe.

Zitat: "Täglich wird bloss ein halbes Prozent des gesamten weltweiten Kapitalflusses für manufakturiete Ware und effektive Leistung umgesetzt."

Meine grossformatigen Zeichnungen liste ich in einem Verzeichnis aneinander. Somit erfülle ich mir die Vorstellung von Überblick. In diesem Verzeichnis notiere ich mir Titel, Grösse, Technik, Material und die jeweilige Werknummer. Zur Gedankenstütze fertige ich mir eine kleine Skizze an, die ich neben die technischen Daten setze. Dazu setze ich mich vor meine gemachte Zeichnung und fertige durch retinales Sehen meine Skizze davon. So bildet sich ein Kreis, der mich nach der gemachten Zeichnung wieder zum skizzieren bringt und das alleine über meine Arbeit. Diese Art des Dokumentierens erlaubt mir immer wieder, an einen Anfang zu gelangen. Somit halte ich meine Motive lebendig. Über Jahre greife ich immer wieder zu den selben Motiven. Mit der Motivation sie nochmals zu tun und zu zeichnen. Sie mit meiner ganzen physischen Konstitution, die mir meine Bedingungen absteckt, nochmals lebendig werden zu lassen und vielleicht verwandeln zu können. Ich lebe vom Wunsch, die Dinge nochmals zu tun. Dieses Nochmalstun kann durchaus in zeitlich grossen Abständen geschehen. Der Anlass dazu, es nochmals zu tun, muss aus sich selbst heraus generieren.

Zitat: "Eine Uhr zeigt uns nicht die Zeit, sie ist bloss ein Versuch, die Zeit zu messen. Der Zeit ist es ziemlich egal, was eine Uhr macht."

Ich mache Striche auf Papier. So lapidar will ich mein Zeichnen beschreiben. Ich verstehe den Strich als eine grundlegend menschliche Geste. Ich mache Striche beim Gehen, mit meinen Sohlen; mache Stiche beim Caffeetrinken, beim Schreiben... Selbst die ganze Trigonometrie kann mit einem Finger in den Sand gezeichnet werden. Ganze Kulturen konstituierten sich gerade daraus, wie sie mit Linie umgehen und diese interpretieren. Striche machen, ist die Krücke meines Denkens.

Es bleibt meine Behauptung, dass ich mit der Linie die ganze Welt zeigen kann. Mein Tun ermöglicht mir, Striche zu machen; mein Denken ermöglicht mir, Linien zu sehen. Seit meiner ersten Zeichnung bemühe ich mich, meine Striche so zu ziehen, dass sie keinen Schatten, kein Hell-Dunkel, keine Schraffuren zeigen. Jeder Strich soll einzig stehen, sich selbst zeigen und behaupten, dass er der richtige ist. So wird es mir möglich, über mein Sehen, meine Striche als Linien zu denken. Allein die Konsequenz meines selbst erdachten Regelsystems macht es mir möglich, dass sich mein Strich verwandelt. Er verwandelt sich in eine Linie. Das Erkennen dieser Verwandlung ist ein Prozess der Sensibilisierung. Die Linie, die zum Strich gehört, ist das, was ich denke. Erst, wenn ich Linie denke, kann ich sie auch sehen. Die Linie, die zum Strich gehört, ist viel länger, als das, was der Strich mir zeigt. Mit dieser Linie kann ich die ganze Welt machen. Sie ist mein Werkzeug der Abstraktion. Nirgendwo sonst in der Welt finde ich diese Linie. Sie hilft mir, diese Welt zu begreifen.

Zitat: "Es liegt in einer Wahrscheinlichkeit von 1:45000, dass der Planetoid Apophis im Jahre 2036 mit unserer Erde kollidiert. Er hat einen Durchmesser von 270 Metern." Striche in der Welt enden normalerweise da, wo sie aus dem retinalen Blickfeld wegdrehen. Gucke ich einen Tisch an, so reicht meine Vorstellungskraft, ihn als Ganzes zu verstehen. Beim Matterhorn wird es schon etwas schwieriger, wie dieses wohl von hinten aussehen mag. Als Metapher möchte ich den Blick eines Uhrmachers herbeiziehen. Er ist funktionsmechanisch fokussiert, wenn er in seinen Mikrokosmos schaut. Er weiss, was geschieht, wenn sich die Teile bewegen. Sein Blick denkt die Bewegung, die er retinal nicht sieht. Sein Denken erfüllt sich durch die konsequente Einhaltung seiner Regelsysteme. Die Präzision des Uhrmachers entspricht einer kollektiven Präzissionsvorstellung. Verschiedene Messsysteme geben sich gegenseitig die Betätigung und ihre Legitimation. Mein Anliegen ist es, diese Art und Weise von Blick aus dem Spezifischen dieses mikromechanischen Kosmos zu lösen und in meine Welt zu drehen. Durch die konsequente Einhaltung meines selbst erdachten Regelsystems wird die Anmutung von Präzision möglich. Jeder von mir gezeichneten Strich soll seine Repräsentanz behaupten. Die Verwandlung wird erst im Verhältnis zwischen der konsequenten Einhaltung meines Regelsystems und meiner physischen Kapazität, diese Konsequenz zu erfüllen, möglich. Ob mein Bild lebendig wird, entscheidet nur diese Relation. Es ist die Relation meiner Vorstellung zu den Bedingungen, die diese Vorstellung erfüllen kann. Ist ein Bild lebendig geworden, wird es sich an seinem Macher rächen. Spätestens dann, wenn sein Motiv eine Geschichte erzählt.

Zitat: "Es reichen 20% der gesammten weltweiten, arbeitsfähigen Bevölkerung, die die nötigen Dienste erbringen kann, welche der Gesellschaft den täglichen Bedarf deckt."

Da, wo der sentimentale Blick zum romantischen Blick, wo sich die emotionale zur sinnlichen Wahrnehmung dreht, befinden sich die Kippstellen, die mich etwas angehen.

Zitat: "Erst war ich überascht, ein Kind würde mir zuwinken, dann erst sah ich, dass es ein Hund ist, der mit seinem Schwanz wedelt."


Thomas Ruch, Februar 2008